Forschen, Unterstützen, Machen

2016 - 2019

 

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMBF - sozialökologische Forschung

Jan Bunse

 Rahmen des Forschungsprojekts

 

 

Im Rahmen des Aufrufs „Transformation urbaner Räume“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) führt das IAT (Institut Arbeit und Technik) zusammen mit der Stadt Bochum (Stadtplanungsamt und Wirtschaftsentwicklung), der InWIS GmbH (Institut für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft und Stadt- und Regionalentwicklung) und Die Urbanisten e. V. ein interdisziplinäres Verbundprojekt durch. Im Sinne der „Strategischen Forschungs- und Innovationsagenda“ der Bundesregierung erhebt unser Forschungs- und Experimentiervorhaben den Anspruch, zivilgesellschaftliche Akteure als aktive Partner und Treiber von Transformationsprozessen einzubeziehen, Raumstrukturen nachhaltig zu verändern, ein Pionierprojekt für urbane Infrastrukturen zu sein, neue Werkzeuge und Verfahren für Planung und Wissensmanagement zu konzipieren sowie neue Geschäfts- bzw. Betreibermodelle zu erproben.

 

Hintergrund

Die seit den 1950er-Jahren extensiv betriebene funktionale Trennung und Zonierung der Städte in Wohn-, Handels-, Gewerbe- und Produktionsgebiete wird zunehmend in Frage gestellt und geht mit einer seit Jahren stattfindenden Renaissance der Stadt als Wohn- und Arbeitsstandort einher. Dieser Trend findet Ausdruck in einer Reihe von Begrifflichkeiten wie z. B. Stadt der kurzen Wege, urbanem Leben, urbaner Landwirtschaft oder „smart urban manufacturing“. Parallel dazu vollzieht sich bei vielen Menschen ein Wertewandel. Neben einem stärkeren Interesse an der aktiven Mitgestaltung des städtischen Lebens steigt der Wunsch nach lokalen, ökologisch korrekt oder nachhaltig produzierten Produkten. Durch den demografischen Wandel und die damit einhergehende Alterung der QuartiersbewohnerInnen ergibt sich zudem ein erhöhter Bedarf an wohnortnaher Versorgung, die in den letzten Jahren in etlichen Quartieren vollständig weggebrochen ist.

Durch das Aufeinandertreffen veränderter Lebensstile einerseits (auch hinsichtlich des Arbeits- und Wohnverhaltens) und neuer Anforderungen an die Nahversorgung sowie den Möglichkeiten der innerstädtischen Produktion und Bedarfe an Dienstleistungen andererseits, können sich Chancen insbesondere für die bisher von der insgesamt positiven Entwicklung des Strukturwandels abgehängte Quartiere ergeben. Zusätzlich entstehen durch technische Entwicklungen neue Produktionsmöglichkeiten wie bspw. additive Fertigungsverfahren (z. B. 3D-Druck), wodurch neue Wirtschaftszweige auftreten können. Leergefallene Gebäude und Brachflächen können einer produktiven Nutzung zugeführt, ungedeckte Bedarfe bedient und neue lokale Wertschöpfungsketten in Gang gesetzt werden. Gleichzeitig können neue Arbeitsplätze im Quartier entstehen, oder die Arbeitssituation kann werthaltiger werden, indem an bestehende Ökonomien angeknüpft wird.

Um Urbane Produktion durch BürgerInnen zu ermöglichen, werden jedoch mitunter neue Finanzierungs- und Betreibermodelle benötigt. Daneben ist anzunehmen, dass innerstädtische Produktionsstätten nicht immer mit dem derzeit gültigen Planungsrecht vereinbar sind, da dieses zu einer funktionalen Zonierung tendiert und auch deshalb Nutzungskonflikte entstehen können.

 

Ziel

Das Verbundvorhaben setzt an den beschriebenen Trends und Herausforderungen an, um diese in produktiver Weise miteinander zu verknüpfen, planungsrechtliche Rahmenbedingungen aufzuarbeiten sowie Finanzierungs- und Betreibermodelle auf ihre Eignung für Urbane Produktion zu überprüfen. Ferner werden die Rolle der Immobilien- bzw. Wohnungswirtschaft mit Blick auf die Bereitstellung von geeigneten Räumen und ihrer Funktion als ein Akteur in der Sicherung der Nahversorgung sowie die Möglichkeiten zur Einbindung der Kommune beleuchtet. Im Ergebnis werden ökonomische, räumliche, rechtliche, technische und soziale Kontextfaktoren und deren mögliche Wechselwirkungen beschrieben, um in der Experimentierphase diese Erkenntnisse für einen Test in zwei Reallaboren in Bochum zu nutzen, auf Praxistauglichkeit hin zu prüfen und bei Bedarf anzupassen.

 

Vorgehen

Das interdisziplinäre Verbundvorhaben teilt sich in eine analytisch-konzeptionelle und eine experimentelle Phase, welche teilweise parallel laufen und aufeinander aufbauen. Die analytisch-konzeptionelle Phase gliedert sich grob in folgende Arbeitspakete:

  • Erstens werden mithilfe einer Literatur- und Internetrecherche internationale Fallbeispiele analysiert und dokumentiert. Dabei geht es um die Fragen, wie Urbane Produktion funktioniert und welche ökonomischen, sozialen und ökologischen Wirkungen erwartet werden können.
  • Zweitens wird eine GIS-gestützte Quartierstypologie konzeptioniert, die auf Indikatoren zu den Themenfeldern Problemlagen, Produktion, Nahversorgung, vorhandene Energiequellen und Flächen mit ihren planungsrechtlichen Festlegungen und Wohnen fokussiert.
  • Drittens werden aufbauend auf einer Literaturrecherche und Experteninterviews die Rahmenbedingungen Urbaner Produktion aufgearbeitet und Finanzierungs- und Betreibermodelle auf ihre Eignung für Urbane Produktion überprüft. Ferner wird die Rolle der Immobilien- bzw. Wohnungswirtschaft und der Kommune beleuchtet.
  • Viertens wird mithilfe von Fallstudien analysiert, wie Nutzungskonflikte überwunden, langfristiges Engagement etabliert und die Zivilgesellschaft einbezogen werden kann. Auch die planungsrechtlichen Grundlagen spielen dabei eine Rolle.

Im Fokus der experimentellen Phase werden Reallabore in zwei Bochumer Stadttteilen Werne/Langendreer-Alter Bahnhof und Wattenscheid stehen, welche eine beispielhafte Umsetzung und Implementierung von Urbaner Produktion vorsehen. Es gilt, die Erkenntnisse aus der analytisch-konzeptionellen Phase zu nutzen, auf Praxistauglichkeit zu prüfen und bei Bedarf anzupassen. Mithilfe von Beteiligungs- und Aktivierungsprozessen der Bürgerschaft werden wir einen geeigneten Ort und eine Form für eine Urbane Produktion untersuchen, auswählen und nutzen.

Jan Bunse

 Hintergrund und Interesse

 

 

Wirtschaftlicher und urbaner Strukturwandel

Viele Stadtteile im Ruhrgebiet kämpfen noch immer mit dem Strukturwandel. Es gibt viele leerstehende Ladenlokale, brach gefallene Gebäude, Arbeitslosigkeit und erhöhte Gesundheitsrisiken der Bevölkerung. Entwicklungen wie die Globalisierung, große Firmenzusammenschlüsse, verändertes Konsumverhalten haben dazu geführt, dass es viele der ehemaligen Großbetriebe und auch die standardisierten Arbeitsplätze nicht mehr gibt.

Zukunftsfähige Ausbildung und Arbeit

In vielen Stadtteilen ist es gelungen, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, welcher Investitionen in den Gebäudebestand folgten. Häufig wurden dabei die Potenziale von Kunst, Kultur und Kreativität in den Vordergrund gestellt. Einerseits, um das oft schlechte Außenbild des Ruhrgebiets und seiner Stadtteile zu verbessern, andererseits, um Menschen von außerhalb für einen Zuzug zu begeistern. Es bestand die Hoffnung auf die Ansiedlung und Entwicklung neuer, zukunftsfähiger Unternehmen und damit auch auf wirtschaftliches Wachstum. Diese Strategien haben vor allem dort gut funktioniert, wo bereits eine kreative Klasse vorhanden war, etwa an Hochschulstandorten.

Gewerbebetriebe innerhalb der Stadt

In anderen, peripheren Stadtteilen des Ruhrgebiets gibt es nur wenige Kreative, die üblicherweise eine große Experimentierfreude haben, neue Kultur- und Gastronomieformate nachfragen und den Stadtteil durch ihre Netzwerke beleben. Allerdings gibt es in solchen Stadtteilen oft noch traditionelle nachbarschaftliche Netzwerke, engagierte Alteingesessene, gut ausgebildete FacharbeiterInnen, günstige Mieten sowie produzierende Gewerbebetriebe. Um den Strukturwandel auch dort positiv wirksam werden zu lassen, bietet sich eine Zuwendung zu den vorhanden Stärken an.

Gesundheit und Ästhetik

Durch die langanhaltende Konzentration auf die Förderung von Dienstleistungsunternehmen ist die große wirtschaftliche Bedeutung des vorhandenen produzierenden Sektors und des Handwerks für die Stadtteile vernachlässigt worden. Produktion gilt als stinkend, laut und störend – deshalb wurde sie häufig in Gewerbe- und Industriegebiete vor die Stadt ausgelagert. Wegen der räumlichen Trennung von Wohnen, Arbeiten und Freizeit befinden sich heute in den Städten unbewohnte und für die Bevölkerung unattraktive Industrie- und Gewerbegebiete und wir nehmen lange Wege in Kauf, um täglich zur Arbeit zu pendeln, Einkäufe zu erledigen oder zum Sport zu kommen.

Bürgergetragene Stadtentwicklung

In einer zukunftsfähigen Stadt findet sich Raum für gesunde, umweltschonende und sozial gerechte Produktion. Wir nennen das Urbane Produktion. Wir untersuchen das Thema wissenschaftlich und bringen es in die Öffentlichkeit. Es sollen dadurch vor allem das Handwerk, kleine und mittlere Betriebe sowie Selbstständige, GründerInnen angesprochen und gefördert werden. Außerdem wollen wir MitmacherInnen finden, die Urbane Produktion in zwei Stadtteilen in Bochum umsetzen und gestalten wollen.

Jan Bunse

 Was ist Urbane Produktion?

 

 

Eine mögliche Perspektive auf Urbane Produktion präsentiert die Technologiestiftung Berlin.

Typen Urbaner Produktion

Wir unterteilen Urbane Produktion in drei Kategorien: Urbane Industrie, Urbane Landwirtschaft und Urbane Manufakturen. Für uns sind insbesondere die Urbanen Manufakturen von Interesse. Dazu zählen wir Techbetriebe (z.B. FabLabs), Lebensmittelbetriebe (z.B. Produktion von Spezialitäten), sozial-ökologische Betriebe, Migrantenbetriebe und HomepreneurInnen (z.B. Personen, die zu Hause etwas herstellen und über Onlineportale vertreiben). Urbanen Manufakturen können sich an verschiedenen Orten befinden: In privaten Räumen (Wohnung / Werkstatt / Garage), in Gewerbe- / Handwerkerhöfen, in Makerspaces, in Leerständen oder auf Brachflächen, auch in Stockwerkfabriken.

Urbane Landwirtschaft

Können Industriebrachen und unattrative Gewerbegebiete durch Urban Farming revitalisiert werden?

Offene Werkstätten

Können gemeinschaftliche Arbeitsräume in innerstädtischen Wohngebieten funktionieren?

Schnelle Prototypen

Können additive Fertigungstechnologien das traditionelle Handwerk unterstützen?

Upcycling und Do-it-together

Können neue Wertschöpfungsketten auf vernachlässigten Reststoffen entstehen?

Lokale Warenströme

Können veränderte Lebensstile vernachlässigte Immobilien wiederbeleben?