WITTENSTEIN bastian GmbH

Urbane Industrie

Steckbrief

WITTENSTEIN Werk Fellbach

Typ Urbaner Produktion:
Techbetrieb
Produkt:
Metallerzeugnisse (z.B. Zahnräder)
Gründung:
1890
Standort:
Stadtfabrik in Neubausiedlung mit Gewerbeanteil
Beschäftigte:
ca. 110
Nähere Informationen unter:
https://alpha.wittenstein.de/de-de/unternehmen/

Industrie 4.0 fördert Urbane Produktion

 

WITTENSTEIN bastian ist ein Referenzprojekt für nachhaltigen, urbanen Fabrikbau. Das Fabrikgebäude zeigt, dass emissionsarmes Produzieren in größerem Umfang durch eine Kombination aus neuen technischen Möglichkeiten und baulichen Maßnahmen möglich ist. Das Werk wurde von der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit dem Gold-Zertifikat ausgezeichnet.

Ausgangslage

1906 wurde die Firma Paul Bastian als mechanische Werkstätte in Stuttgart gegründet und siedelte 1978 nach Fellbach um. Fellbach hat etwa 45.000 EinwohnerInnen und liegt an der östlichen Grenze Stuttgarts. Die WITTENSTEIN Gruppe übernahm 2001 den Geschäftsbetrieb und gründete die WITTENSTEIN bastian GmbH. Im Jahre 2011 entstand die neue Fabrik von WITTENSTEIN bastian mit dem Label „Urbane Produktion“ in Fellbach.

Der urbane Fabrikneubau

Hauptkriterium für die Standortwahl war die gute Erreichbarkeit für MitarbeiterInnen, wofür durchaus höhere Grundstückspreise in Kauf genommen wurden. Das Gelände in Fellbach ist nur zwei Kilometer vom vormaligen Standort der Paul Bastian GmbH entfernt und ermöglicht den Bau weiterer Gebäude. Zudem ist eine gute Infrastruktur vorhanden mit nahegelegener S-Bahn-Haltestelle, Einkaufsmöglichkeiten, ärztliche Versorgung und Apotheken. Der Produktionsstandort ist umgrenzt von einer Brachfläche, die der Erweiterung der Fabrik dienen soll, einem Areal mit vier- bis fünfstöckige Bürogebäude und einer nahegelegenen Passivhaus-Siedlung.

Aus Gebäude- und Maschinentechnik ist ein Gesamtkonzept mit geringstmöglichem Ressourcenverbrauch und einer umweltbewussten Produktionsweise (eingeschlossen Reduktion von Lärm, Abgas, Abfall, CO2-Ausstoß, Wasser und Abwasser) entstanden. Die Energieeinsparverordnung (ENEV) konnte um 30 % unterschritten werden. Etwa ein Drittel der genutzten Energie wird durch Wärmerückgewinnung, das erdgasbetriebene Blockheizkraftwerk sowie die Photovoltaikanalage vor Ort produziert. Eine Regenwasserzisterne liefert Wasser für die sanitären Anlagen. Das Gebäude selbst ist ein Hybrid-Gebäude, weil sich im Erdgeschoss die Produktion sowie produktionsnahe Büros befinden und im ersten Obergeschoss Verwaltungsbüros. Das Dachgeschoss dient der Energieerzeugung mittels Photovoltaik.

Die Fabrik und die Nachbarschaft

Zu Beginn des Baus gab es Kritik seitens der Bewohnerschaft der nahegelegenen Passivhaussiedlung und der umliegenden Dienstleister und Versicherungen, da sie mit dem Bau einer Produktionsstätte Lärmbelästigung befürchteten. Um der Kritik entgegenzuwirken, wurden Emissionsgrenzwerte für Luft und Schall festgelegt, Auflagen definiert, dass z. B. Abluft zu Straße hin und nicht zur Wohnbebauung geleitet wird. Außerdem wurde der komplette Lieferbereich eingehaust, so dass An- und Ablieferung durch LKW und Sprinter im Inneren des Gebäudes stattfinden können. Es wurde ein Lärmschutzwall hin zur Passivhaussiedlung angelegt, wodurch das Schließen der Autotüren der MitarbeiterInnen beim Schichtwechsel für die Bewohnerschaft nicht hörbar ist.

Beim Neubau wurde auf viel Grünfläche um den Betrieb herum Wert gelegt und bewusst auf Zäune verzichtet, um nicht in den Vordergrund zu treten und um die Offenheit für die Bevölkerung zu signalisieren. Zusätzlich wurde ein vom Unternehmen errichteter öffentlicher Spielplatz gemeinsam mit den AnwohnerInnen eingeweiht. Letztlich sind Lärmbelästigungen nicht eingetreten, so dass momentan sogar eine Schule im Umfeld errichtet wird und WITTENSTEIN bastian GmbH den Bau einer weiteren Fabrikhalle auf einem angrenzenden Bauabschnitt nach dem Vorbild der bereits bestehenden Halle plant.

Unterstützungsstrukturen

Die Ansiedlung von WITTENSTEIN bastian im urbanen Raum gelang insbesondere durch den frühen Einbezug von Entscheidungsträgern, vor allem Stadtpolitik und AnwohnerInnen. In der Planungsphase wurden Runde Tische abgehalten, damit die Anliegen der Unternehmen und Personen im nahen Umfeld vorgebracht und diskutiert werden konnten, um so zur Konfliktminderung beizutragen.

Die Ansiedlung wurde durch die Wirtschaftsförderung sowie die Wirtschaftsregion Stuttgart und das Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) begleitet. WITTENSTEIN bastian galt als Praxisbeispiel für die „Morgenstadt“, eine Initiative von elf Fraunhofer Instituten zur Erforschung der nachhaltigen, lebenswerten und wandlungsfähigen Stadt von morgen. Die Wirtschaftsregion Stuttgart und das Fraunhofer IAO waren vor allem beratende und wissenschaftliche Unterstützung.

Fazit

WITTENSTEIN bastian ist ein gelungenes Beispiel für einen umfeldverträglichen und emissionsarmen Fabrikneubau, mit dessen Gebäudestruktur und Produktionsweise die konfliktarme Mischung zwischen Produktions- und Wohnfunktion auch im größeren Stil möglich ist. Der frühe Einbezug der Bürgerschaft auf Augenhöhe konnte der Skepsis über die Nutzungsmischung und damit einhergehenden Konflikten vorbeugen.