Werkhof Projekt gGmbH, Dortmund

Gemüseanbau nach Demeter-Richtlinien

Steckbrief

Werkhof Projekt gGmbH-Standort

Werzenkamp 30, 44329 Dortmund

Typ der Produktion: regionale Gärtnerei, Bio-Gemüseanbau

Produkte: Gemüse, Saatgut, Jungpflanzen und vom Aussterben bedrohte Tomaten- und Chillisorten

Gründung: 1983

Leitung: Rita Breker-Kreme (seit 1988)

Beschäftigte: ca. 30 Mitarbeiter*innen

Standort: landwirtschaftliche Fläche im Stadtteil Grevel

Kontakt: diegaertnerei@werkhof-projekt.de

Pflanzen in einem Gewächshaus
Felder der Werkhof Gärtnerei
Bienenweide und Bienenbeute in der Werkhof-Gärtnerei
Felder der Werkhof Gärtnerei
Tomaten auf den Feldern der Werkhof-Gärtnerei
Früchte aus dem Gewächshaus der Werkhof-Gärtnerei
Felder der Werkhof Gärtnerei
Felder der Werkhof Gärtnerei
Felder und ein Gewächshaus der Werkhof Gärtnerei
Leiterin Rita Breker-Kremer im Gewächshaus

Fotos (C) Kerstin Meyer

Bio-Gemüse aus Grevel, Dortmund

Die Werkhof Gärtnerei ist ein biologisch-dynamischer Gemüseanbaubetrieb im Stadtteil Grevel in Dortmund. Auf 14 ha Freilandfläche und in 13 Gewächshäusern bauen die Gärtner*innen des Werkhofs neben klassischen und altbekannten Gemüsesorten wie Kürbis, Salat und Auberginen auch rund 50 Chili-Sorten und knapp hundert historische Tomatensorten an1. Damit setzt sich das Team für die Kultivierung und Erhaltung von historischen und vom Aussterben bedrohte Gemüsesorten ein. Neben dem Gemüse als Lebensmittel produziert die Werkhof-Gärtnerei auch Jungpflanzen und Saatgut 1. Die Ernte des Hofes wird u.a. im Hofladen, auf Marktständen und über den Lieferservice AboKiste (www.abokiste24.de) an regionale Kunden verkauft1.

Produktionsort

Der Standort des Gemüsebetriebs befindet sich in Grevel, einem Stadtteil in der nordöstlichen Peripherie von Dortmund. Für den Anbau und die Verarbeitung des Gemüses wurden von der Stadt Dortmund 4,5 Hektar rein landwirtschaftliche Fläche gepachtet: vier Hektar Anbaufläche und 0,5 Hektar mit 13 Gewächshäusern. Die Fläche liegt zwischen den Wohnsiedlungen Grevel und Scharnhorst-Ost. Nach Osten und Westen ist die Anbaufläche hauptsächlich von landwirtschaftlicher Nutzung geprägt2. Die U-Bahnstation Grevel bindet den Standort mit der Endstation der U-Bahnlinie U41 an die Innenstadt an und vereinfacht somit den Arbeitsweg für die Mitarbeitenden1,3.

Organisationsstruktur

Der Werkhof e.V. wurde 1983 als Ausbildungsprojekt für straffällige Jugendliche gegründet. Damals entstand bereits eine Gärtnerei als Ausbildungsplatz für 10 Jugendliche ohne Schulabschluss, die dort alle ihre Ausbildung erfolgreich abschlossen. Aus dem Verein entwickelte sich über die Jahre die Werkhof Projekt gGmbH, die neben der Gärtnerei auch Werkstätten für Holz-, Metallverarbeitung, Maler & Lackierer sowie Qualifizierungszweige in Logistik und Gastronomie anbietet1. Das gemeinnützige Unternehmen unterstützt Schüler*innen, Jugendliche und Erwachsene bei der schulischen und v.a. beruflichen Qualifizierung4. 1988 übernahm die Gärtnerin und Sozialpädagogin Rita Breker-Kremer die Leitung und aus der Werkhof-Gärtnerei entstand ein Zweckbetrieb1. Bis heute leitet sie zusammen mit den Gemüsegärtnern Marco Rau und Michael Herrmann die Gärtnerei1,5. Dabei werden die leidenschaftlichen Gärtner*innen von einem ca. dreißigköpfigen Team, darunter v.a. Personen aus Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), 1€-Jobber*innen und Langzeitarbeitslose sowie interessierten Praktikant*innen unterstützt1. Der Gemüsehof soll neben der Produktion von Lebensmitteln dazu dienen, die Mitarbeiter*innen auf die Berufswelt und Arbeits- und Produktionsbedingungen vorzubereiten. „Wir versuchen in den Projekten natürlich, den Menschen Perspektiven zu eröffnen, damit sie wieder Hoffnung schöpfen können“ erklärt Standortleiter Markus Georg6. Dies wird in der Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur und Jobcenter Dortmund realisiert1.

Finanzierung

Zu Beginn erfolgte die Finanzierung der Werkhof-Gärtnerei mit Geldern des Europäischen Sozialfonds (ESF) 1. Nach Auslaufen der Förderperiode, lief die Finanzierung über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM)1. Durch diese erhielt die Werkhof-Gärtnerei staatliche Förderung, um Arbeitssuchende bei der Wiedereingliederung in eine Beschäftigung zu helfen oder ein geringes Einkommen zu sichern7. Die Kosten der Gärtner*innen können heute durch die Produktionseinnahmen gedeckt werden1. Dass der Betrieb ohne die weiteren geförderten Mitarbeiter*innen jedoch nicht laufen kann, zeigte sich im Frühjahr durch die COVID-19-Pandemie, als es den Mitarbeiter*innen in ABM vom Jobcenter aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht erlaubt war zur Arbeit zu gehen. In diesem Zeitraum sprangen viele freiwillige Helfer*innen aus dem Stadtteil und Kund*innen ein, um bei den Tätigkeiten zu unterstützen1.

Philosophie und Umsetzung

Das Konzept des Bio-Gemüsebetriebs richtet sich nach den Demeter-Richtlinien. Die Demeter-Richtlinien sind eine Vereinbarung über Mindestanforderung für landwirtschaftliche Betriebe, die jährlich auf Einhaltung kontrolliert werden, um die Anerkennung der internationale Bio-Marke Demeter zu erhalten8,9. So verzichtet die Werkhof-Gärtnerei auf chemisch-synthetische Düngemitteln und Pestizide und nutzt alternativ natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel wie Schlupfwespen. Daneben setzt sich die Gärtnerei für den Schutz von Wild- und Honigbienen ein und bewirtschaftet privat aufgestellte Bienenkästen, die wiederum zur Bestäubung der Gemüsepflanzen beitragen10. Zusätzlich wurden spezielle Kräuter, Blumen und Stauden angepflanzt, die Nektar und Pollen für Insekten bereithalten. Diese Bienenweiden locken auch die Schlupfwesen an10. Für die Fruchtbarkeit und hohen Ernteertrag werden dem Boden natürliche Kompost- und Spritzpräparate, bestehend aus Heilpflanzen, Rindermist und Quarzmehl, zugefügt9. Für Demeter-Betriebe besteht zusätzlich die Pflicht einer eigenen Tierhaltung. Die Werkhof-Gärtnerei ist von dieser Bedingung befreit, da diese zum Ausgleich der Pflicht soziale Arbeit leistet1.

Für die Produktion der Lebensmittel wird externes Saatgut zugekauft1. Die dadurch gewonnene Ernte wird vor Ort für die Weitergabe fertig gestellt. Um entstandene Abfallprodukte zu reduzieren, wird übergebliebenes Gemüse an den Lieferservice „Flotte Karotte“ verkauft. Weitere Überbleibsel werden an den Unverpacktladen „Frau Lose“, an das Pop-up Restaurant „Fabulose“ oder an die Mitarbeiter*innen weitergegeben. Seit 2020 werden auch Kochtomaten verkauft, um Abfall zu reduzieren. Trotz der vielen Weitervermittlungen müssen am Ende noch einige Ernteerträge weggeworfen werden1.

Einmal im Jahr findet ein Jungpflanzenverkauf und „Tag der offenen Tür“ statt, an dem Besucher*innen die Produktionsabläufe der Werkhof-Gärtnerei kennenlernen1. Außerdem veranstaltet der Werkhof jährlich einen Genießerabend mit Kostproben für alle Kund*innen1.

Exkurs: AboKiste

Die AboKiste ist der wöchentliche Lieferservice der Werkhof Projekt gGmbH. Vor 25 Jahren wurde das Konzept zur Gemüselieferung nach Hause entwickelt11. Mit der Zeit wurde das Absatzmodell immer erfolgreicher und zum wichtigsten Vetriebsweg für das Gemüse der Werkhof-Gärtnerei. 2003 erfolgte die Trennung von Gärtnerei und Vermarktung in zwei Schwester-Unternehmen11. Heute ist AboKiste ein regionaler Onlinemarkt für Bio-Produkte: von Obst und Gemüse, über Brot, Käse, Fleisch oder Nudeln bis hin zu Naturkosmetik und nachhaltigen Drogerieartikeln12. Um die Idee der AboKiste umzusetzen, arbeiten über 30 Mitarbeiter*innen am Standort Dortmund-Wickede11. Die ca. 2.000 Kund*innen des Lieferservices stammen aus Dortmund und der näheren Umgebung. Die Kundschaft innerhalb der Innenstadt wird dabei mit einem CO2-neutralen Lastenrad beliefert11. Um die Transportwege zu verkürzen werden an jedem Wochentag bestimmte Gebiete befahren. So wird jedem Kunden bei der Bestellung ein Wochentag für die Lieferung vorgegeben. Neben den Privatkunden werden auch Direktlieferungen an kleine Läden und Biohöfe durchgeführt13.

Zukünftige Planung

Für die Werkhof Projekt gGmbH ist der Erhalt von historischen Gemüsesorten sehr wichtig, weshalb es wünschenswert wäre die Angebotspalette in diese Richtung zu erweitern. Außerdem möchte die Gärtnerei versuchen weniger Hybridsorten anzubauen. Geplant sind auch mehrere Verkaufstage mit Kurzvorträgen. 1

Aktuell beteiligt sich die Gärtnerei u.a. an einem Projekt der REWE Dortmund SE & Co. KG. Es wird versucht Micro Herbs und Salatpflanzen zu ziehen, die dann anschließend im Supermarkt wachsen und daraufhin verkauft werden sollen. Für dieses Projekt wird der Werkhof Probepflanzen an die REWE liefern.1

Fazit

Die Werkhof-Gärtnerei verdeutlicht, dass regionaler nachhaltiger und biologischer Gemüseanbau in Ruhrgebietsstädten möglich ist. Mit einer Ausrichtung auf Nischen, beispielsweise Jungpflanzenzucht, lässt sich das Modell auf andere Städte und landwirtschaftlichen Flächen übertragen.

In Deutschland ist der Kauf von Bio-Lebensmitteln im Jahr 2019 um 10 % gestiegen14. Bio-Produkte werden bei der Kundschaft in Deutschland immer beliebter15. Dabei ist ein Online-Portal für regionale Bio-Produkte eine gute Möglichkeit zur Direktvermarktung. Dies lässt sich ebenfalls in vielen Städten umsetzten. Die COVID-19 Pandemie gab den Lieferservices erneuten Aufschwung.

 

Autorinnen: Annette Bathen, Die Urbanisten e.V.; Kerstin Meyer & Santhiya Vanajanathan, Institut Arbeit und Technik (28.10.2020)

 

Quellen:

 

  • 1 Gespräch vom 10.09.2020 mit Rita Breker-Kremer, Betriebsleitung / Werkhof Projekt gGmbH Dortmund

 

 

 

 

 

 

  • 7 Arbeitsbeschaffungsmaßnahme – Welche Ziele wurden damit verfolgt?, URL: www.arbeitslosenselbsthilfe.org/arbeitsbeschaffungsmassnahme/ [Besucht am 14.10.2020]

 

 

  • 9 Demeter – Biologisch-Dynamischer Anbau, URL: www.naturata.de/bio-qualitaet/demeter/ [Besucht am 07.10.2020]

 

  • 10 Die Werkhof Gärtnerei – Bienenweide, URL: www.werkhof-diegaertnerei.de/?page_id=113 [Besucht am 07.10.2020]

 

  • 11 Die AboKiste – Über uns, URL: www.abokiste24.de/ueber-uns-2/ [Besucht am 06.10.2020]

 

  • 12 Die AboKiste, URL: www.abokiste24.de [Besucht am 06.10.2020]

 

  • 13 Die AboKiste – So funktioniert’s www.abokiste24.de/so-funktioniert-s/ [Besucht am 06.10.2020]

 

  • 14 Bio-Markt nimmt weiter Fahrt auf – Umsatzentwicklung von Bio-Lebensmitteln, URL: www.boelw.de/themen/zahlen-fakten/handel/artikel/umsatz-bio-2019/ [Besucht am 14.10.2020]

 

  • 15 Umsatz mit Bio-Lebensmitteln in Deutschland in den Jahren 2000 bis 2019. 2020, URL: www.de.statista.com/statistik/daten/studie/4109/umfrage/bio-lebensmittel-umsatz-zeitreihe/ [Besucht am 14.10.2020]