Eine (Offene) Holzwerkstatt für Frauen

Gemeinschaftswerkstatt, Urbane Manufaktur

Steckbrief

Mariannenstr. 6
10997 Berlin

Typ Urbaner Produktion:
Handwerksbetrieb/Offene Werkstatt
Produkt:
Schreinerarbeiten, Holzmöbel, Workshops
Gründung:
1981
Standort:
Erstes OG in einem gründerzeitlichen Quartier
Beschäftigte:
Werkstatt: ca. 3-4 VZÄ
Verein: ca. 100, davon viele Honorar- und Werkverträge
Nähere Information und Kontakt unter:
http://www.schokofabrik.de/

Die Schokofabrik in Berlin-Kreuzberg

Ausgangslage im Stadtteil

Kreuzberg hat den Ruf des „Multi-Kulti“-Viertels von Westberlin und galt besonders in den 1980er Jahren als subkulturelle und alternative Hochburg der Stadt, v.a. auf Grund seiner Geschichte mit Hausbesetzungen, Häuserkämpfen und regelmäßigen Krawallen. In der Stadtentwicklung stand der Stadtteil gleichzeitig mit seinem Konzept der „behutsamen Stadterneuerung“ im Rahmen der IBA 1984 lange Zeit für Konzepte abseits des Mainstreams, das Raum für alternative Lebensformen und Experimente bot.

Auch heute ist Kreuzberg noch ein Zentrum einer v.a. türkischen Community, gilt jedoch auch als Viertel der Kreativschaffenden und ist international bekannt für sein Nachtleben. Spätestens seit der Weltfinanzkrise 2007 sind jedoch massive Mietsteigerungen im Stadtteil zu beobachten, sodass Kreuzberg mittlerweile zu einem der teuersten Viertel Berlins zählt. Die Folge dieser Entwicklung ist eine zunehmende Verdrängung der einkommensschwächeren Bewohnerinnen und Bewohner, wachsende Nutzungskonflikte sowie eine Bedrohung zahlreicher sozialer und kultureller Projekte.

Beginn der Schokofabrik

Zu Beginn der 1980er entwickelte eine Gruppe von Frauen und Lesben die Idee, ein Frauenstadtteilzentrum in Kreuzberg zu gründen, in dem Frauen, Lesben und Mädchen Unterstützung und Förderung erhalten. 1981 besetzte diese Gruppe die ehemalige „Schokoladenfabrik Greiser und Dobritz“ in der Mariannenstraße. Im Jahr 1986 konnte bereits ein langfristiger Mietvertrag unterschrieben werden. Aufgrund des desolaten Zustandes des Gebäudes waren umfassende Sanierungsarbeiten und Baumaßnahmen nötig. Diese konnten mithilfe von Geldern des Senats, der IBA und der IKEA-Stiftung umgesetzt werden. 2002 drohten massive Mieterhöhungen, sodass die Idee entstand, das Gebäude zu erwerben. Die 2003 gegründete Genossinnenschaft Schokofabrik eG konnte kurz darauf den Kaufvertrag unterzeichnen und so das Bestehen des Frauenstadtteilzentrums nachhaltig sichern. Die Schokofabrik zählt wöchentlich über 900 Besucherinnen und ist mit seinen sieben Etagen auf 1.200 m² eines der größten Frauenzentren Europas.

Intention

Die heutigen Bereiche der Schokofabrik wurde von den Frauen in verschiedenen selbstorganisierten Projektgruppen im Laufe der Zeit entwickelten: feministische Bildung, Beratung, SchokoSport, Hamam – das türkische Bad für Frauen, eine Kindertagesstätte, die Werkstatt und Treffpunkt für Frauen und Mädchen aus der Türkei und anderen Ländern.

Das Leitbild der Schokofabrik ist die Förderung, Unterstützung und Stärkung von Frauen und Mädchen. Nicht zuletzt seit der Entstehung des feministischen Bildungsbereichs dient die Schokofabrik zudem als Raum für die Frauenbewegung, als Ort der politischen Bildung und des Austausches. Das abwechslungsreiche Sportangebot soll das körperliche Selbstverständnis und -vertrauen der Frauen fernab von Leistungsansprüchen fördern.

Ein besonderer Schwerpunkt der Schokofabrik ist die Schokowerkstatt, die sowohl als Zweckbetrieb mit 3-4 Mitarbeiterinnen, als auch als gemeinnütziger Bereich fungiert. So werden einerseits Auftragsarbeiten ausgeführt, andererseits können Mädchen und Frauen in offenen Kursen Möbel und andere Holzprodukte unter Anleitung selbst herstellen. Die Werkstatt bietet zudem Praktika für Mädchen und Frauen an, die sich in diesem männlich dominierten Arbeitsfeld ausprobieren und beruflich orientieren wollen. Interessant ist hierbei v.a. auch die Lage der Werkstatt im 1. OG, welche dort aufgrund des Bestandschutzes bestehen bleiben kann, jedoch nicht vergrößert bzw. verändern werden dürfte, da dies nach aktuellem Baurecht nicht mehr zulässig wäre. Da die genutzten Räume der Werkstatt im Eigentum der Schokofabrik eG und die AnrainerInnen Mitglieder der Genossenschaft sind, gibt es bzgl. Lärmemissionen kaum Konflikte, da diese bei Bedarf persönlich geregelt werden können. Die eigene Kita wird von den AnrainerInnen interessanterweise als stärkere Lärmquelle wahrgenommen. Generell werden alle Nutzungen akzeptiert und den Angeboten offen gegenüber getreten.

Hauptakteure

Die Schokofabrik organisiert sich über mehrere gemeinnützige Vereine und Träger

  • Schokofabrik eG (Genossinnenschaft)
  • Schokoladenfabrik e.V. mit den Bereichen Bildung, Beratung, Sport, Türkisches Bad – Hamam, Treffpunkt
  • Frauenkrisentelefon e.V.
  • Schokospäne e.V. (Verein der Werkstatt)
  • Schokokids e.V. (Verein der Kita)

Dabei bietet die Schokofabrik insgesamt 100 Arbeitsplätze, ist jedoch auf ehrenamtliches Engagement angewiesen.

Unterstützungsstrukturen

  • seit 1991 Subventionen durch den Senat Berlin, Mittel müssen jedes zweite Jahr neu beantragt werden
  • Mittel aus dem Europäischer Sozialfonds (ESF)
  • Fördermitglieder „Schokotanten“
  • Genossinenschaft Schokofabrik eG

Erfolgsbausteine

Der Erfolg der Schokofabrik liegt zuerst an ihrem Konzept, das eine Mischung aus Beratungs-, Bildungs-, Freizeit- und handwerklich-kreativen Angeboten bereitstellt.

In der Vergangenheit zeigte sich, dass auch die Schokofabrik – wie viele andere soziokulturelle Projekte – unter dem Druck der Wirtschaftlichkeit und strukturellem Druck von außen leidet. 2003 wurde die Gefahr steigender Mieten abgewendet, indem eine neugegründete Genossinnenschaft das Gelände kaufte und somit langfristig sicherte. Das große ehrenamtliche Engagement der Frauen trägt zusätzlich zur Sicherung des Projekts bei und ermöglicht gleichzeitig Selbst- und Mitbestimmung.

Fazit

Seit nunmehr 30 Jahren besteht das Frauenstadtteilzentrum Schokofabrik in Berlin Kreuzberg. Das langjährige Bestehen ist zum einen auf den Mut und das Durchhaltevermögen der Frauen zurückzuführen, die an ihrer Idee, einen Raum der Begegnung und Förderung für Mädchen und Frauen aller Altersgruppen und Herkunft zu schaffen, trotz struktureller Veränderungen und internen Kontroversen stets festgehalten haben. Zum anderen macht das Beispiel der Schokofabrik deutlich, dass soziale und kulturelle Projekte oftmals nur mit staatlicher Förderung und ehrenamtlicher Arbeit langfristig bestehen bleiben können.

Seit einigen Jahren können jedoch finanzielle Kürzungen bei öffentlichen Zuwendungen sowie ein stetig wachsender Verwaltungsaufwand für soziale Projekte beobachtet werden. Im Zuge dieser Entwicklung diskutierte die Schokofabrik vermehrt weitere Möglichkeiten der wirtschaftlichen Betätigung, um die Finanzierung des Projekts weiterhin ausreichend zu sichern. Der Ausbau des Werkstattbereichs, das heißt die Förderung urbaner Produktion, bietet hierbei großes Potenzial.

Autorinnen: Marleen Wilhelm, Kerstin Meyer & Sophia Schambelon, Institut Arbeit und Technik (29.04.2019)

Quellen

Gespräch am 18.03.2019 in der Schokofabrik Berlin.

http://frauenzentrum-schokofabrik.de

https://www.genossinnenschaft-schokofabrik.de/