Kasseler Bunkerpilz

Urbane Landwirtschaft nach Cradle2Cradle-Prinzip?

Steckbrief

Wilhelmshöher Allee 180

34119 Kassel

Typ urbaner Produktion: Urbane Landwirtschaft; Lebensmittelbetrieb

Produkte: Austern-, Rosen und Limonenseitlinge

Gründung: 2019

Standort: Keller eines Gründerzeit-Wohnhauses

Beschäftigte: 1 und viele Ehrenamtliche

Fördermaßnahmen:

Gründungsstipendium der Universität und Crowdfunding-Kampagne

Kontakt:

Kasseler_bunkerpilz@posteo.de

Kasseler Bunkerpilz

Ausgangslage

Lebensmittelproduktion zurück in die Stadt zu holen und Pilze auf Kaffeesatz anzubauen – das ist die Vision der »Kasseler Bunkerpilze«. Nachhaltig, lokal, urban: mit Kaffeesatz lokaler Gastronomiebetriebe und leerstehenden Räumen mitten in der Stadt zeigen die Gründerinnen, dass Landwirtschaft im urbanen Raum möglich ist.

Intention der Gründerinnen

Gemeinsam mit Freunden philosophierten die Gründerinnen im eigenen kleinen Garten über Gemüseanbau und welche Möglichkeiten es gäbe, in größerem Maßstab in der Stadt etwas anzubauen, um sich und andere zu versorgen – die Idee: Pilze anbauen! Die Grundidee hatte Katrin Becker, die ihre Diplomarbeit in Produktdesign zum Anbau von Pilzen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip schrieb. Als es seitens der Universität Kassel ein Ideenstipendium für Unternehmensgründungen gab, bewarben sich das Team darauf und hatte Erfolg. Damit folgte der Schritt von der Idee zur Umsetzung.

Raum

Der Name ist fast Programm. Die Vision war es, in einem der zahlreichen Bunker in Kassel Pilze zu züchten, wie das in den 1980er und 1990er im Kasseler Weinbergbunker bereits der Fall war. Damals wurden dort Champignons angebaut. Aufgrund der schlechten Erreichbarkeit, anderweitigen Nutzungen oder fehlender Zugänglichkeit der Bunker konnte bislang jedoch keiner gefunden werden. Zunächst wurden somit unbenutzte Räume wie ehemalige Toilettenräume oder ein ehemaliger Tieroperationssaal als Produktionsraum an der Universität Kassel genutzt. Mittlerweile vergrößert sich das Kleinunternehmen im wohnhauseigenen Keller auf ca. 60 qm. Dieser ist von Grund auf feucht und bislang ungenutzt. Nachdem die Wände gekalkt, Estrich auf den Boden verlegt, Technik und ein Wasseranschluss installiert wurden, kann es dort mit der Produktion weitergehen.

Entwicklung und Kooperationen

Nach einem halben Jahr Test- und Entwicklungsphase wachsen die Pilze zuverlässig und können über die lokale solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) verkauft werden. Überschüsse nehmen Restaurants bislang gerne spontan ab und passen ihre Speisekarte entsprechend an.

Die Auslieferung an die Direktkundschaft erfolgt per Lastenrad. An die SoLaWi wird 1x alle 2-3 Wochen mit dem Auto geliefert, da diese dann zentral gesammelt und Kisten weiterverteilt werden.

Bislang findet der Anbau der Seitlinge in ‚vor dem Müll geretteten‘ Eimern aus der Gastronomie statt. Die Beschaffung, Aufbereitung (Löcher, Desinfektion) und das Füllen der Eimer nimmt jedoch viel Zeit in Anspruch, weshalb in diesem Bereich nach besseren Lösungen gesucht wird. Auch die Suche nach einer großen Menge Kaffeesatz für das Substrat gestaltet sich als schwierig. Bislang ist die Logistik zum Einsammeln des Kaffeesatzes sehr aufwendig und wenig ertragreich, sodass zusätzlich Stroh beigesetzt wird, um nicht vollständig vom Kaffeesatz abhängig zu sein.

Kooperationen bestehen nicht nur mit der örtlichen SoLaWi und Gastronomie, sondern auch mit einem Mitglieder-Bioladen, ab Mai 2020 mit einem Unverpacktladen und darüber hinaus mit der Initiative Essbare Stadt Kassel. Letztere nimmt das Altsubstrat und verteilt es in städtischen Gärten, um dort Pilzbeete anzulegen, da aus dem Substrat weiterhin Pilze wachsen können – jedoch mit geringerem Ertrag, sodass sich das für die Gründerinnen nicht mehr lohnt, diese in die Lieferkette zu integrieren. Nicht benötigtes Substrat wird von einer sich im Aufbau befindlichen SoLaWi zur Herstellung von Kompost verwendet.

Der Cradle-to-Cradle-Kreislauf scheint perfekt zu sein. Allerdings wäre das Unterfangen ohne viele ehrenamtliche Stunden der Gründerinnen als auch von Freunden und Bekannten, die sich mit um die Logistik kümmern, nicht zu stemmen. Dabei liegt der Preis pro Kilogramm bereits bei 24 € und kann nicht erhöht werden.

Derzeitige (Haupt-)Akteure

  • Katrin Becker Produktdesign, Diplomarbeit zu Anbau von Pilzen nach Cradle-to-Cradle-Prinzip
  • Johanna Quendt, Ökologische Agrarwissenschaften und Psychologie

Unterstützungsstruktur

Das Ideenstipendium der Universität Kassel, welches drei Gründerinnen mit einem Grundeinkommen und Räumlichkeiten für ein halbes Jahr versorgte, war der Anstoß für die Umsetzung. Dadurch konnten sie sich ein halbes Jahr in die Pilzzucht einarbeiten, wovon sie vorher wenig bis keine Erfahrung hatten. Über einen Crowdfunding-Wettbewerb haben sie sich dazu entschlossen, bei einer Kampagne auf Startnext zu beteiligten. Das Fundingziel wurde übertroffen und so konnten die benötigten Maschinen (motorbetriebener Mischer, Luftbefeuchter und Lüftungsanlage sowie ein Lastenfahrrad für die Logistik) angeschafft werden. Zudem wurden einige Preise gewonnen, die kleinere Zuschüsse mit sich brachten. Damit standen sie unter Zugzwang zum Weitermachen.

Fazit

Pilzproduktion nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip in der Stadt? Zeitaufwändig, aber dennoch lohnenswert!

Gesucht: Sammelmöglichkeiten für viel frischen Kaffeesatz und Möglichkeiten für das schnellere Reinigen der Eimer oder andere müllfreie Alternativen zum Anbau von Seitlingen!

 

Autorin: Kerstin Meyer, Institut Arbeit und Technik (21.04.2020)

 

Quellen

Gespräch am 16.04.2020 mit Johanna Quendt.